Reaktionen auf Özils Rücktritt

Präsident Recep Tayyip Erdoğan sagte in Ankara:

„Einen jungen Mann, der alles für die deutsche Nationalmannschaft gegeben hat, wegen seines religiösen Glaubens so rassistisch zu behandeln, ist inakzeptabel.“

(zitiert nach „Berliner Zeitung“ vom 25.07.2018, Seite 4)

„Gestern Nacht habe ich mit Mesut gesprochen. Seine Haltung in der Erklärung ist komplett patriotisch. Ich küsse seine Augen! Man kann diese rassistische Haltung gegenüber diesem jungen Mann nicht hinnehmen, der so viel Schweiß für den Erfolg der deutschen Nationalmannschaft vergossen hat. Ich küsse seine Augen.“

(zitiert nach „BILD“ (Bundesausgabe) vom 25.07.2018, Seite 3)

Mehmet Kasapoğlu, Minister für Jugend und Sport der Türkei, schreibt auf Twitter:

„Mesut Özil kardeşimizin sergilediği onurlu duruşu yürekten destekliyoruz.“

(„Wir unterstützen die ehrenvolle Haltung unseres Bruders Mesut Özil von ganzem Herzen.“)

Hamza Yerlikaya, stellvertretender Minister für Jugend und Sport der Türkei, schreibt auf Twitter:

„Wir 82 Millionen haben Dir einstimmig die Grenzen unserer Herzen geöffnet, mein Bruder.“

Abdulhamit Gül, Justizminister der Türkei, schreibt auf Twitter:

„Almanya Milli Takımı’ndan ayrılarak faşizm virüsüne karşı en güzel golünü atan Mesut Özil’i tebrik ediyorum. Yolun, bahtın açık olsun.‘

(„Ich gratuliere Mesut Özil, der mit seinem Ausscheiden aus der deutschen Nationalmannschaft gegen den faschistischen Virus sein schönstes Tor geschossen hat. Möge dein Weg und das Glück dir offen stehen.“)

Ibrahim Kalin, Sprecher des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, schreibt auf Twitter:

„But imagine the pressure under which he felt compelled to make this statement. What a pity for those who claim to be tolerant and multiculturalist!“

„Fakat Mesut beyin bu süreçte nasıl bir baskıya maruz kaldığını düşünün. Nezaket, hoşgörü, çoğulculuk… nerede kaldı?!“

(„Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben…?!“)

Mahir Ünal, Sprecher der Ak Parti, sagt:

„Der Umgang mit Özil zeigt, daß in Deutschland die eigentliche Absicht nicht Integration, sondern Assimilierung ist. Die Reaktion von Mesut Özil ist äußerst passend und gerechtfertigt.“

Mustafa Semerci, Bürgermeister von Devrek, sagte bei der Einweihung eines neuen Schilds der Mesut-Özil-Straße:

„Deutsch-Türken werden zu Deutschen in der Türkei und zu Türken in Deutschland. Unter Erdogan verändert sich die Türkei zum Positiven, das werden die Menschen verstehen. Wir mussten auf die rassistischen Anfeindungen reagieren. Wir sind stolz auf Mesut!“

Die Zeitung „Star“ publiziert die Schlagzeile:

„Mesuts Verhalten ist eine nationale Haltung gegen Nazis“.

Die Zeitung „Sabah“ setzt als Titel:

„Scharfe Reaktion gegen Rassismus von Özil: ‚Ich ziehe das deutsche Trikot nicht mehr an.’“

Die Zeitung „Takvim“ schreibt über Özils Haltung zum Foto mit Erdogan:

„Ich würde es noch einmal tun.“

Die Zeitung „Türkiye“ titelt auf Deutsch:

„Mesut, wir sind stolz auf dich!“

Die Zeitung „Yeni Akit“ vergleicht Özils Fall mit dem Ausschluss des jüdischen Fußballers und zweifachen deutschen Meisters Julius Hirsch aus dem Karlsruher FC im Jahre 1933. Hirsch hatte damals einen ähnlichen Brief geschrieben und wurde anschließend nach Auschwitz deportiert. „Yeni Akit“ schreibt:

„Jetzt haben mit der AfD erneut Rassisten das deutsche Parlament geentert und die anderen Parteien eifern ihr nach, um keine Wählerstimmen zu verlieren. Die Ereignisse und Diskussionen enthüllen das wahre Gesicht Deutschlands. In einem präfaschistischen Umfeld steht die türkische Diaspora in Deutschland auf der Verliererseite. Tretet kollektiv zurück!“

 

Reaktionen der Zeitungen in Deutschland

Die BILD-Zeitung titelt auf Seite 1:

„ÖZIL Jammer-Rücktritt …und seine WIRRE ABRECHNUNG MIT DEUTSCHLAND!“

Um sich nicht mit Özils Rassismus-Erfahrungen befassen zu müssen, erklärt man Özils Äußerungen für „wirr“. Und auf Seite 2 sagt BILD zu Özil:

„Gut, daß Sie das Hemd mit dem Adler ausgezogen haben, wir passen nicht mehr zusammen.“

Die Tageszeitung „Rheinpfalz“ in Ludwigshafen schreibt über Özil:

„Mit dieser Generalabrechnung macht er sich aber selbst zum Buhmann.“

Das Tageszeitung „Darmstädter Echo“ meint:

„Sportlich brauchen wir Özil nicht mehr.“

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ ist der Ansicht:

„Mesut Özil als Vorbild – der Fall ist erledigt.“

Die Tageszeitung „Die Welt“ aus Berlin kommentiert:

„Wer den deutschen Pass annimmt und das Nationaltrikot überzieht, muss wissen, was das für ihn bedeutet.“

Der „Schwarzwälder Bote“ aus Oberndorf am Neckar findet:

„Nach der Erdoğan-Affäre hilft nur noch ein Nationalelf-Ende. Fatal ist das allerdings für die nachkommenden Fußballer-Generationen. Über die Hälfte der Nachwuchsspieler der deutschen Jugend-Nationalteams haben ausländische Wurzeln. Diese Talente könnten im Zuge der Özil-Vorkommnisse verloren gehen.“

Das „Flensburger Tageblatt“ verlautbart:

„Der türkische Staatspräsident Erdoğan baut sich sein eigenes Recht zusammen – ohne Rücksicht auf Verluste tritt er das Völkerrecht mit Füßen, lässt kritische Menschen einfach in den Knast wandern, entlässt Tausende von Beamten, denkt laut über die Wiedereinführung der Todesstrafe nach und, und, und. Nein, Herr Özil, so einem Mann muss und sollte man keinen Respekt zollen, egal, ob man selbst türkische Wurzeln hat oder nicht.“

Und so reagieren deutsche Politiker auf Özils Erklärung:

Cem Özdemir (52, Bündnis 90/Die Grünen) kritisiert:

„Özils Foto bleibt falsch und seine Erklärung überzeugt nicht. Es ist sehr bedauerlich, wie sich Özil jetzt äußert. Damit spielt er denen einen Steilpass zu, die unsere Demokratie ablehnen hier wie dort. Mit dem Alleinherrscher Erdoğan zu posieren empfinde ich als respektlos denen gegenüber, die in der Türkei gegängelt werden oder willkürlich im Gefängnis sitzen. Respekt zolle ich nur Demokraten. Denen ist Mesut Özil in seiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden.“

Katarina Barley (49,SPD) Bundesjustizministerin auf Twitter:

„Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fussballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt.“

Paul Ziemiak (32, CDU), Chef der Jungen Union:

„Niemand Vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdoğan – mitten im türkischen Wahlkampf – ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv.“

Thomas Strobl (58, CDU), Baden-Württembergs Innenminister:

„Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen. Freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland. Und ich wünsche mir auch ein klares Bekenntnis zu unseren Werten – auch und gerade gegenüber jemandem wie Herrn Erdoğan. Und ich wünsche mir ein solch klares Bekenntnis insbesondere von Leuten, die hier alle Freiheiten leben und genießen – Freiheiten, die Herr Erdogan seinen Landsleuten verwehrt.“

Annette Widmann-Mauz (52, CDU), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung:

„Es ist gut, dass sich Özil endlich erklärt hat. Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln müssen sich Spieler der Fußballnationalmannschaft Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben. Zugleich darf diese berechtigte Kritik nicht in eine pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.“

Serap Güler (38, CDU), Staatssekretärin für Integration in NRW mit türkischen Wurzeln:

„Auch ich bin dem Heimatland meiner Eltern nach wie vor sehr verbunden, da ändert auch die aktuelle Regierung nichts dran.(…) Die Einladung eines Autokraten auszuschlagen, wäre nicht respektlos gewesen. Es hätte Haltung gezeigt. Seine Rechtfertigung macht nur deutlich, wie nötig eine echte Wertedebatte ist.“

Alice Weidel (39, AFD), Co-Vorsitzende der AFD-Bundestagsfraktion und Oppositionsführerin im Bundestag:
„Integrations-Träumerei funktioniert nicht einmal bei Fußball-Millionären! Mit seiner Abschiedstirade erweist sich Mesut Özil leider als typisches Beispiel für die gescheiterte Integration von viel zu vielen Einwanderern aus dem türkisch-muslimischen Kulturkreis. Durch sein Huldigungsfoto mit Erdogan hat er der ganzen Welt unverblümt mitgeteilt, dass er sich trotz aller genossenen Vorteile und Privilegien nicht mit Deutschland identifizieren kann und will.
Damit hat er nicht nur seine Förderer vor den Kopf gestoßen, sondern auch Millionen Fans enttäuscht. Statt seinen Fehler einzusehen, setzt er sich jetzt in die Schmollecke und beschimpft jeden Kritiker pauschal als ‚Rassisten‘.
Nachdem er von Politik und Fußballbund als Musterbeispiel gelungener ‚Integration‘ hochgejubelt und missbraucht wurde, nimmt ihn die Migrationslobby jetzt als Kronzeugen für den angeblich allgegenwärtigen ‚Rassismus‘ der Deutschen in Anspruch. Für beide Rollen ist Mesut Özil nicht zu gebrauchen.
Peinlich für den DFB sind nicht die albernen ‚Rassismus‘-Vorwürfe Özils, sondern dass die vielgerühmte ‚Integration‘ offenbar nicht einmal bei verhätschelten Fußball-Millionären so richtig funktionieren will. Vielleicht dämmert dem einen oder anderen Verbandsboss jetzt ja die Erkenntnis, dass die Politisierung des Sports und sein Missbrauch als Propagandavehikel der Multikulti-Ideologie doch keine so gute Idee war.“

Özil hat auf Twitter seine Rücktrittserklärung auf Englisch veröffentlicht. Hätte Özil eine Pressekonferenz gegeben, dann hätten alle hören können, was er zu sagen hat, auch die Deutschen.

Wenn er auf einer Pressekonferenz öffentlich zurückgetreten wäre, hätte er seinen Rücktritt live im Fernsehen begründen können.

Jetzt haben die deutschen Medien die Möglichkeit, alles das, was er auf Twitter auf Englisch geschrieben hat, zu verfälschen. Daher will ich hier einige Übersetzungen der Özil-Erklärung zugänglich machen.

Die Sport-Informations-Dienst GmbH in Köln, ein Tochterunternehmen der Agence France-Presse, übersetzt das Özil-Statement:

„Die vergangenen Wochen haben mir die Zeit gegeben, zu reflektieren und über die letzten Monate nachzudenken. Daher möchte ich meine Gedanken und Gefühle darüber erklären, was passiert ist.

Wie bei vielen anderen Leuten geht meine Abstammung auf mehr als nur ein Land zurück. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, meine familiären Wurzeln liegen aber in der Türkei. Ich habe zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches. Während meiner Kindheit hat mich meine Mutter gelehrt, immer respektvoll zu sein und nie zu vergessen, wo ich herkomme. Und über diese Werte denke ich bis heute nach.

Im Mai habe ich Präsident Erdoğan während eines Charity-Events in London getroffen. Das erste Mal hatten wir uns 2010 getroffen, nachdem er sich zusammen mit Angela Merkel in Berlin das Spiel zwischen Deutschland und der Türkei angeschaut hatte. Seitdem haben sich unsere Wege mehrfach gekreuzt. Ich bin mir bewusst, dass unser Foto für eine große Resonanz in den deutschen Medien gesorgt hat. Einige haben mir vorgeworfen, ich würde lügen oder ich sei hinterlistig. Aber das Bild, das wir gemacht haben, hatte keinerlei politische Absichten. Wie ich bereits sagte, hat mich meine Mutter dazu gebracht, niemals meine Herkunft, mein Erbe und meine familiären Traditionen zu vergessen.

Für mich ging es bei einem Foto mit Präsident Erdoğan nicht um Politik oder um Wahlen, sondern darum, das höchste Amt des Landes meiner Familie zu respektieren. Mein Beruf ist Fußballer, nicht Politiker und unser Treffen war keine Befürwortung irgendeiner Politik. Tatsächlich haben wir über dasselbe Thema gesprochen wie jedes Mal, wenn wir uns treffen, nämlich Fußball, denn er war selbst Spieler in seiner Jugend.

Auch wenn die deutschen Medien etwas anderes dargestellt haben, ist die Wahrheit, dass die Ablehnung eines Treffens mit dem Präsidenten respektlos gegenüber den Wurzeln meiner Vorfahren gewesen wäre, die mit Sicherheit stolz darüber gewesen wären, wo ich heute bin. Für mich hat es keine Rolle gespielt, wer der Präsident war, sondern dass es der Präsident war. Respekt vor einem politischen Amt zu haben, ist eine Auffassung, die sicher auch die Queen und Premierministerin Theresa May vertreten haben, als sie Erdoğan in London ebenfalls getroffen haben. Ob es der türkische oder der deutsche Präsident gewesen wäre, meine Handlungen wären nicht anders gewesen.

Ich verstehe, dass es vielleicht schwer nachzuvollziehen ist, da in einigen Kulturen ein politischer Führer nicht getrennt von der Person betrachtet werden kann. Aber in diesem Fall ist es anders. Was auch immer das Ergebnis der letzten Wahlen gewesen wäre, oder der Wahlen davor, ich hätte das Bild trotzdem gemacht.

Ich weiß, dass ich ein Fußballer bin, der in den drei vermutlich härtesten Ligen der Welt gespielt hat. Ich kann mich glücklich schätzen, großartige Unterstützung von meinen Teamkollegen und Trainern erhalten zu haben, während ich in der Bundesliga, in La Liga und in der Premier League gespielt habe. Und zusätzlich habe ich während meiner gesamten Karriere gelernt, wie ich mit den Medien umgehen muss.

Viele Leute sprechen über meine Leistungen – einige applaudieren, einige kritisieren. Wenn eine Zeitung oder ein Experte Fehler finden, die ich im Spiel gemacht habe, kann ich das akzeptieren. Ich bin kein perfekter Fußballer und das motiviert mich oft, noch härter zu trainieren. Aber was ich nicht akzeptieren kann, ist, wenn deutsche Medien meine Herkunft und ein einfaches Bild als Erklärung für eine schlechte Weltmeisterschaft des gesamten Kaders hernehmen.

Diverse deutsche Zeitungen nutzen meinen Hintergrund und das Foto mit Präsident Erdoğan als rechte Propaganda, um deren politische Haltung zu unterstützen. Warum sonst nutzen sie Bilder und Überschriften mit meinem Namen als direkte Erklärung für die Niederlagen in Russland? Sie kritisieren nicht meine Leistung, sie kritisieren nicht die Leistung des Teams, sie kritisieren nur meine türkische Abstammung und meinen Respekt davor. Das überschreitet eine persönliche Linie, die niemals überschritten werden sollte, da die Zeitungen versuchen, die deutsche Nation gegen mich aufzubringen.

Was ich auch enttäuschend finde, sind die unterschiedlichen Maßstäbe, die die Medien anlegen. Lothar Matthäus (ein hoch dekorierter Kapitän der Nationalmannschaft) hat sich vor einigen Tagen mit einem anderen Weltführer (Russlands Präsident Wladimir Putin, Anm.d.Red.) getroffen und fast keine Kritik bekommen. Trotz seiner Rolle im DFB haben sie nicht von ihm verlangt, seine Handlungen zu erklären. Er vertritt weiter die Spieler Deutschlands ohne irgendeine Verwarnung. Wenn die Medien gefordert haben, dass ich aus dem WM-Kader fliegen soll, sollte er dann nicht sein Ehrenspielführeramt abgeben? Macht meine türkische Abstammung mich zu einem wertvolleren Ziel?

Ich habe immer gedacht, dass eine Partnerschaft Unterstützung beinhaltet, sowohl in guten als auch in schlechteren Zeiten. Ich hatte geplant, meine frühere Schule Berger-Feld in Gelsenkirchen zu besuchen, zusammen mit meinen Charity-Partnern. Ich habe ein einjähriges Projekt gegründet, wo Kinder mit Migrationshintergrund, Kinder aus ärmeren Familien und andere Kinder zusammen Fußball spielen können und soziale Regeln für das Leben lernen. Aber einige Tage, bevor ich kommen wollte, wurde ich von meinen so genannten ‚Partnern‘ verlassen, weil sie nicht länger mit mir zusammenarbeiten wollten. Zusätzlich hat die Schule meinem Management mitgeteilt, dass sie mich nicht länger sehen wollen, weil sie aufgrund meines Fotos mit Präsident Erdoğan Angst vor den Medien und vor der rechten Partei in Gelsenkirchen hätten. Um ehrlich zu sein, schmerzt das. Obwohl ich einer ihrer Schüler war, habe ich mich unerwünscht und ihrer Zeit wertlos gefühlt.

Hinzu kommt, dass sich ein weiterer Partner von mir losgesagt hat. Dabei handelt es sich auch um einen Partner des DFB, vor der WM wurde ich gebeten, an Werbevideos teilzunehmen.

Nach meinem Bild mit Präsident Erdoğan haben sie mich aus der Kampagne genommen und alle weiteren geplanten Werbeaktivitäten gestrichen. Für sie war es nicht länger tragbar, zusammen mit mir gesehen zu werden und in einer Situation, die sich ‚Krisenmanagement‘ nennt. Das ist sehr ironisch, denn ein deutsches Ministerium hatte ihre Produkte für illegal erklärt, da sie unautorisierte Software beinhalte, die das Risiko für den Kunden erhöhe. Hunderttausende ihrer Produkte wurden zurückgerufen. Während ich kritisiert und vom DFB aufgefordert wurde, meine Handlungen zu erklären, gab es keine solche offizielle und öffentliche Aufforderung an den DFB-Sponsor. Warum? Habe ich nicht recht, dass das viel schlimmer ist als ein Foto mit dem Präsidenten des Landes meiner Familie? Was sagt der DFB zu alldem?

Wie ich zuvor sagte, ‚Partner‘ sollten in jeder Situation an deiner Seite stehen. Adidas, Beats und BigShoe waren extrem loyal und es war unglaublich, mit ihnen in dieser Zeit zu arbeiten. Sie standen über dem Nonsens, der von den deutschen Medien kreiert wurde und wir setzen unsere professionelle Zusammenarbeit, die ich immer genossen habe, fort.

Während der WM habe ich mit BigShoe zusammengearbeitet und geholfen, 23 Kindern in Russland lebensrettende Operationen zu ermöglichen, so wie ich es bereits in Brasilien und Afrika getan habe. Das ist für mich das Wichtigste, was ich als Fußballer mache. Aber die Zeitungen finden keinen Platz, diese Dinge zu würdigen. Für sie ist es wichtiger, wenn ich ausgebuht werde. Oder ein Bild mit einem Präsidenten ist für sie anscheinend bedeutender, als Kindern auf der ganzen Welt durch Operationen zu helfen. Sie hätten auch die Möglichkeit, die Wahrnehmung dafür zu erhöhen und Finanzmittel zu besorgen. Aber sie haben sich entschieden, das nicht zu machen.

Die Sache, die mich in den letzten Monaten am meisten frustriert hat, war die Fehlbehandlung durch den DFB, und im Speziellen durch DFB-Präsident Reinhard Grindel. Nach meinem Bild mit Präsident Erdogan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen, nach Berlin zu fahren und ein gemeinsames Statement abzugeben, um die Diskussionen zu beenden und den Sachverhalt richtig zu stellen. Als ich versucht habe, Grindel mein Erbe und meine Herkunft, also die Gründe für das Bild, zu erklären, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung zu verharmlosen. Während seine Handlungen herablassend waren, haben wir beschlossen, dass es das Beste wäre, sich auf den Fußball und die kommende Weltmeisterschaft zu konzentrieren. Das ist der Grund, warum ich nicht am DFB-Medientag während der WM-Vorbereitung anwesend war. Ich wusste, dass Journalisten, die über Politik und nicht Fußball berichten würden, mich nur attackiert hätten, obwohl die ganze Sache nach dem TV-Interview von Oliver Bierhoff vor dem Spiel gegen Saudi-Arabien in Leverkusen beendet hätte sein sollen.

Während dieser Zeit habe ich auch den Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, getroffen. Im Gegensatz zu Grindel war Präsident Steinmeier professionell und wirklich interessiert, was ich über meiner Familie, meiner Herkunft und meinen Entscheidungen zu sagen hatte. Ich erinnere mich, dass das Treffen nur zwischen mir, Ilkay und Präsident Steinmeier stattfand, Grindel war verärgert, dass er nicht dabei sein durfte, um seine eigene politische Karriere zu forcieren. Ich hatte mit Präsident Steinmeier vereinbart, ein gemeinsames Statement zu diesem Thema zu veröffentlichen, ein weiterer Versuch, um voranzukommen und uns auf Fußball zu konzentrieren. Aber Grindel war verärgert, dass es nicht sein Team war, dass das erste Statement veröffentlicht hatte, er war verärgert, dass die Presseabteilung Steinmeiers in dieser Sache die Führung übernommen hat.

Seit dem Ende der Weltmeisterschaft ist Grindel bezüglich seiner Entscheidungen vor dem Turnier stark unter Druck geraten, und das zurecht. Vor kurzem sagte er öffentlich, dass ich ein weiteres Mal meine Handlungen erklären solle und gab mir die Schuld für die schlechten Leistungen der Mannschaft in Russland, obwohl er mir in Berlin gesagt hatte, dass das Thema erledigt sei. Ich äußere mich jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger der Sündenbock sein für seine Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job gut zu machen. Ich weiß, dass er mich nach dem Bild aus dem Team haben wollte, und er hat seine Meinung auf Twitter ohne Nachdenken oder Rücksprache veröffentlicht, aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff haben mich unterstützt und mir den Rücken gestärkt. In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren.

Obwohl ich Steuern in Deutschland bezahle, Einrichtungen für deutsche Schulen spende und die Weltmeisterschaft 2014 mit Deutschland gewonnen habe, bin ich noch immer nicht in der Gesellschaft akzeptiert. Ich werde behandelt, als wäre ich ‚anders‘. Ich wurde mit dem ‚Bambi‘ 2010 als Beispiel für erfolgreiche Integration in die deutsche Gesellschaft ausgezeichnet, 2014 erhielt ich das ‚Silberne Lorbeerblatt‘ von der Bundesrepublik Deutschland und ich war der ‚Deutsche Fußball Botschafter‘ 2015. Aber ganz klar, ich bin kein Deutscher…? Gibt es Kriterien, um ein ganzer Deutscher zu sein, denen ich nicht gerecht werde? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es um die Türkei geht? Ist es, weil ich ein Moslem bin? Ich glaube, dass hier ein wichtiger Grund liegt. Durch die Bezeichnung Deutsch-Türke werden Menschen gekennzeichnet, die Familien in mehr als einem Land haben. Ich wurde in Deutschland geboren und erzogen, also warum akzeptieren die Menschen nicht, dass ich Deutscher bin?

Grindels Meinungen können auch am anderen Stellen gefunden werden. Ich wurde von Bernd Holzhauer (ein deutscher Politiker) als ‚Ziegenficker‘ wegen meines Bildes mit Präsident Erdogan und meines türkischen Hintergrundes bezeichnet. Außerdem sagte mir Werner Steer (Chef des Deutschen Theaters), dass ich mich ’nach Anatolien verpissen soll‘, ein Gebiet in der Türkei, aus dem viele Migranten stammen. Wie ich schon gesagt habe, mich wegen meiner Familien-Abstammung zu kritisieren und zu beschimpfen ist eine erbärmliche Linie, die überschritten wurde, und Diskriminierung als Mittel für politische Propaganda zu nutzen ist etwas, dass sofort im Rücktritt dieser respektlosen Individuen resultieren sollte. Diese Menschen haben mein Bild mit President Erdogan als Möglichkeit genutzt, um ihre zuvor versteckten rassistischen Tendenzen nun auszudrücken, und das ist gefährlich für die Gesellschaft. Sie sind um nichts besser als der Deutschland-Fan, der mir nach dem Spiel gegen Schweden gesagt hat ‚Özil, verpiss dich du scheiß Türkensau. Türkenschwein hau ab‘.

Ich möchte Hassmails, Drohanrufe am Telefon und Kommentare in sozialen Medien gegen mich und meine Familie gar nicht diskutieren. Dies alles steht für das Deutschland aus der Vergangenheit, ein Deutschland, das nicht offen für neue Kulturen war, und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin mir sicher, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft begrüßen, meiner Meinung wären.
Reinhard Grindel, ich bin sehr enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihrem Handeln. In 2004, als Sie Mitglied des Bundestages waren, haben Sie behauptet, dass ‚Multikulturalität ein Mythos und eine lebenslange Lüge‘ sei. Sie haben gegen Gesetze für Doppel-Nationalitäten und Strafen für Bestechung gestimmt, und Sie haben gesagt, dass die islamische Kultur in vielen deutschen Städten zu tief verwurzelt sei. Das ist nicht zu vergessen und nicht zu verzeihen.
Wegen der Behandlung durch den DFB und viele andere möchte ich das deutsche Trikot nicht länger tragen. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht gewollt bin und vergessen wurde, was ich seit meinem Debüt 2009 geleistet habe. Leute mit rassendiskrimierendem Hintergrund sollten nicht im größten Fußball-Verband der Welt arbeiten dürfen, der viele Spieler mit zwei Heimatländern hat. Solche Einstellungen spiegeln einfach nicht die Spieler wider, die sie vorgeben zu vertreten.

Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen, da ich Rassismus und fehlenden Respekt spüre. Ich habe früher das deutsche Trikot mit so viel stolz und Begeisterung getragen, heute nicht mehr. Es war sehr schwierig, diese Entscheidung zu treffen, da ich immer alles für meine Teamkollegen, das Trainerteam und die guten Menschen in Deutschland gegeben habe. Aber wenn hochrangige DFB-Offizielle mich so behandeln, wie sie es getan haben, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich aus selbstsüchtigen Gründen für politische Propaganda benutzen, dann ist genug genug. Dafür spiele ich nicht Fußball, und ich werde mich nicht zurücklehnen und in dieser Sache nichts tun. Rassismus darf niemals akzeptiert werden.“

Die Deutsche Presse-Agentur in Berlin hingen übersetzt Özils Statement nur in Auszügen:

„Die Sache, die mich wahrscheinlich am meisten in den vergangenen Monaten frustiert hat, war die schlechte Behandlung durch den DFB, und vor allem durch den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Nach meinem Bild mit Präsident Erdogan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen, nach Berlin zu reisen und ein gemeinsames Statement abzugeben, um alle Diskussionen zu beenden und die Sache richtig zu stellen.

Als ich Grindel mein Erbe, meine Vorfahren und die daraus entstandenen Gründe für das Foto zu erklären versuchte, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen… Seit dem Ende der Weltmeisterschaft ist Grindel wegen seiner Entscheidungen vor Turnierbeginn unter starken Druck geraten, und das zurecht. Zuletzt hat er öffentlich gesagt, dass ich noch einmal meine Handlungen erklären solle und gibt mir die Schuld für die schwachen Ergebnisse in Russland, obwohl er mir in Berlin gesagt hat, dass es erledigt sei.

Ich spreche jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen. Ich weiß, dass er mich nach dem Foto aus dem Team haben wollte, und seine Ansicht bei Twitter ohne Nachdenken oder Absprache veröffentlicht hat, aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff haben sich für mich eingesetzt und mich unterstützt. In den Augen von Grindel und seinen Helfern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren…

Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich ein Muslim bin? Ich denke, hier handelt es sich um eine wichtige Sache. Indem man als Deutsch-Türke bezeichnet wird, werden Menschen bereits unterschieden, die Familie in mehr als einem Land besitzen. Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, also warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?…

Mich wegen meiner Vorfahren zu kritisieren und zu beschimpfen, diese Grenze zu übertreten ist schändlich, und Diskriminierung als Werkzeug für politische Propaganda zu benutzen, sollte umgehend im Rücktritt dieser respektlosen Personen resultieren. Diese Leute haben mein Bild mit Präsident Erdogan als eine Gelegenheit benutzt, ihre zuvor verborgenen rassistischen Tendenzen zum Ausdruck zu bringen, und das ist gefährlich für die Gesellschaft…

Ich will nicht einmal die Hassmails, die Drohanrufe und die Kommentare in den sozialen Netzwerken diskutieren, die meine Familie und ich erhalten haben. Sie alle stehen für ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das nicht für neue Kulturen offen ist, und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin zuversichtlich, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft begrüßen, mit mir einer Meinung sind…

Die Behandlung, die ich vom DFB und vielen anderen erhalten habe, bringt mich dazu, nicht länger das deutsche Nationaltrikot tragen zu wollen. Ich fühle mich ungewollt und denke, dass das, was ich seit meinem Länderspiel-Debüt 2009 erreicht habe, vergessen ist. Leute mit rassistisch diskriminierendem Hintergrund sollten nicht länger im größten Fußballverband der Welt arbeiten dürfen, der viele Spieler aus Familien verschiedener Herkunft hat. Einstellungen wie ihre reflektieren nicht die Spieler, die sie repräsentieren sollen. Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, so lange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre.

Ich habe das deutsche Trikot mit solchem Stolz und solcher Begeisterung getragen, aber jetzt nicht mehr. Diese Entscheidung war sehr schwer, weil ich immer alles für meine Teamkollegen, den Trainerstab und die guten Leute in Deutschland gegeben habe. Aber wenn hochrangige DFB-Funktionäre mich so behandeln, meine türkischen Wurzeln missachten und mich egoistisch als politisches Propagandamittel nutzen, dann ist es genug. Dafür spiele ich nicht Fußball, und ich werde mich nicht zurücklehnen und nichts dagegen tun. Rassismus darf nie und nimmer hingenommen werden.“

Die Übersetzung von „11Freunde“ lautet:

„Was mich in den letzten Wochen am meisten frustriert hat, ist die schlechte Behandlung des DFB, insbesondere von DFB-Präsident Reinhard Grindel. Nach meinem Foto mit Präsident Erdogan bat mich Joachim Löw, meinen Urlaub zu unterbrechen und nach Berlin zu kommen, um ein Statement abzugeben und die Dinge richtig zu stellen. Während ich versuchte, Grindel meine Herkunft und meine Gründe für das Zustandekommen des Fotos zu erklären, war er viel eher daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen.

Obwohl ich das als herablassend empfand, kamen wir zu dem Schluss, dass es das beste wäre, sich auf den Fußball und die nahende Weltmeisterschaft zu konzentrieren. Aus diesem Grund nahm ich nicht am DFB Media Day während der Vorbereitungsphase auf die WM teil. Ich wusste, die Journalisten würden über Politik und nicht Fußball sprechen und mich attackieren, obwohl Oliver Bierhoff in einem TV-Interview vor dem Spiel gegen Saudi Arabien in Leverkusen die Debatte für beendet erklärt hatte.

Grindel ist stark unter Druck geraten, und das völlig zu Recht

Etwa zu dieser Zeit traf ich auch den deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier. Anders als Grindel war Steinmeier professionell und hatte tatsächlich Interesse daran, was ich über meine Familie, meine Herkunft und meine Entscheidungen zu sagen hatte. Das Treffen war nur zwischen mir, Ilkay (Gündogan, Anm. d. Red.) und Bundespräsident Steinmeier, und Grindel war verärgert darüber, dass er nicht daran teilhaben durfte, um seine eigene politische Agenda zu propagieren. Ich kam mit Bundespräsident Steinmeier überein, dass wir eine gemeinsame Stellungnahme zur Thematik veröffentlichen würden, als ein weiterer Versuch, das Thema abzuschließen und uns auf den Fußball zu konzentrieren. Aber Grindel war verärgert, dass nicht sein Team das erste Statement veröffentlichte und dass Steinmeiers Team in dieser Thematik das Sagen hatte.

Seit dem Ende der WM ist Grindel wegen seiner Entscheidungen im Vorfeld des Turniers stark unter Druck geraten, und das völlig zu Recht. Unlängst forderte er von mir öffentlich, meine Handlungen ein weiteres Mal zu erklären, und gleichzeitig machte er mir Vorwürfe für die schlechten Mannschaftsleistungen bei der WM in Russland. Obwohl er in Berlin gesagt hatte, dass das Thema  beendet sei.

Gibt es Kriterien, um ein echter Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle?

Ich spreche hier und jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht als der Sündenbock für seine Inkompetenz herhalten, und dafür, dass er seine Arbeit nicht ordentlich macht. Ich weiß, dass er mich aus der Mannschaft entfernt haben wollte, nachdem das Foto aufgetaucht war, was er ja auch bei Twitter kundtat, ohne nachzudenken oder Rücksprache zu halten. Doch Joachim Löw und Oliver Bierhoff stellten sich vor mich und unterstützten mich. In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und Immigrant, wenn wir verlieren. Und obwohl ich hier Steuern zahle, Schulen finanziell unterstütze und mit Deutschland 2014 die WM gewonnen habe, bin ich in der Gesellschaft nicht akzeptiert. Ich werde behandelt als jemand, der anders ist. Ich habe 2014 den Integrations-Bambi bekommen, als Beispiel für die erfolgreiche Integration in die deutsche Gesellschaft. Ich habe 2014 das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland erhalten und ich war ein »German Football Ambassador« 2015. Aber klar, ich bin kein Deutscher …? Gibt es Kriterien, um ein echter Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle?

Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nicht dauernd Deutsch-Polnisch genannt, warum bin ich Deutsch-Türkisch? Liegt es an der Türkei? Liegt es daran, dass ich Moslem bin? Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt. Indem man von Deutsch-Türkisch spricht, kennzeichnet man die Leute bereits, deren Familie aus mehr als einem Land stammt. Ich wurde in Deutschland geboren und erzogen – wieso also akzeptieren die Menschen nicht, dass ich Deutscher bin?

Ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin

Grindels Meinung kann auch an anderer Stelle wiedergefunden werden. Ich wurde von Bernd Holzhauer (einem deutschen Politiker) wegen des Fotos mit Erdogan und meinem türkischen Hintergrund als »Ziegenficker« beschimpft. Werner Steer (Chef des Deutschen Theaters München) sagte, dass ich mich »nach Anatolien verpissen« solle, eine Region in der Türkei, aus der viele Immigranten stammen. Nochmal: Mich wegen meiner Vorfahren zu kritisieren oder zu misshandeln ist erbärmlich und eine Linie, die übertreten wird. Und Diskriminierungen als Werkzeug für politische Propaganda zu nutzen, sollte zur sofortigen Entlassung dieser respektlosen Menschen führen. Diese Leute haben mein Bild mit Präsident Erdogan als Gelegenheit genutzt, um ihre vorher versteckten rassistischen Tendenzen auszudrücken. Und das ist gefährlich für die Gesellschaft. Sie sind nicht besser als der deutsche Fan, der mich nach dem  Spiel gegen Schweden beschimpfte: »Özil, verpiss dich du türkisches Stück Scheiße. Verpiss dich du türkisches Schwein.« Und da will ich mit den ganzen Hassbriefen, Drohanrufen oder Kommentaren in den sozialen Netzwerken gar nicht erst anfangen, die ich und meine Familie bekommen haben. Sie alle repräsentieren ein Deutschland der Vergangenheit, ein Deutschland, das für andere Kulturen nicht offen war, ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Aber ich bin sicher, dass viele stolze Deutsche, die für eine offene Kultur einstehen, in dieser Sache mit mir übereinstimmen.

Von Ihnen, Herr Grindel, bin ich enttäuscht, aber nicht überrascht. Als Sie 2004 im Bundestag saßen, behaupteten Sie, dass »Multi-Kulti ein Mythos und eine Lebenslüge ist«, während Sie gegen die doppelte Staatsbürgerschaft stimmten sowie gegen Strafe wegen Bestechung. Außerdem sagten Sie, dass die islamische Kultur in vielen deutschen Städten zu sehr Wurzeln geschlagen habe. Das ist unverzeihlich und wird nicht vergessen werden.

Rassismus darf niemals akzeptiert werden

Die Behandlung, die ich durch den DFB und viele Andere erfahren habe, sorgt dafür, dass ich das Trikot der deutschen Nationalmannschaft nicht mehr tragen will. Ich fühle mich ungewollt und habe das Gefühl, dass alles vergessen wurde, was ich seit meinem internationalen Debüt 2009 erreicht habe. Menschen mit rassendiskriminierenden Ansichten sollte es nicht erlaubt sein, im größten Fußballverband der Welt zu arbeiten, der zahlreiche Spieler mit zweifacher Herkunft hat. Ihre Einstellungen spiegeln die Spieler, die sie repräsentieren sollen, nicht wieder.

Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich aufgrund der Ereignisse der jüngsten Vergangenheit nicht mehr länger für Deutschland spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit habe. Ich habe das deutsche Trikot mit so viel Stolz und Begeisterung getragen, aber das ist vorbei. Diese Entscheidung war sehr schwierig, weil ich immer alles für meine Teamkameraden, das Trainerteam und die guten Menschen in Deutschland gegeben habe. Aber wenn mich hochrangige DFB-Offizielle auf diese Weise behandeln, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich für ihre politische Propaganda missbrauchen, dann ist genug genug. Deswegen spiele ich nicht Fußball, und ich werde mich sicher nicht zurücklehnen und nichts dagegen tun. Rassismus darf niemals akzeptiert werden.“

Ähnlich äußerte sich bereits am 18.06.2018 Romelu Lukaku:

„When things were going well, I was reading newspapers articles and they were calling me Romelu Lukaku, the Belgian striker. When things weren’t going well, they were calling me Romelu Lukaku, the Belgian striker of Congolese descent.“

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