Wie Deniz Yücel den Wein aus seinem Glas ins Gesicht von Volker Skierka schleuderte

Auf einem Hügel über Gotha erhebt sich, umringt von Park und Orangeriegarten, das Schloß Friedenstein, eines der am besten erhaltenen Baudenkmäler des Frühbarock. Vor dieser imposanten Kulisse schleuderte Deniz Yücel während eines PEN-Empfangs am Samstag Abend Volker Skierka Wein aus seinem Glas ins Gesicht.

Während Yücel seine Sicht der Dinge in den Feuilletons der Leitmedien verbreiten kann und den Wein-Weitwurf auf Skierka auf seinem Twitter-Profil ausbreitet, wird die Opfer-Perspektive von Skierka medial weitestgehend ausgeblendet. Skierka sagt, daß außer seiner PEN-Kollegin Petra Reski bisher niemand von der Presse bei ihm nachgefragt habe. Auch die Ursache des Konflikts, das Mobbing gegen das Darmstädter PEN-Büro, werde nicht ausreichend medial beleuchtet, findet Skierka. Seine Einschätzung teilt die frühere PEN-Präsidentin Regula Venske. Auf der PEN-Geschäftsstelle «herrschte gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein autoritäres Gehabe. Früher gab es Teamgeist, jetzt wurden tüchtige und motivierte Leute geradezu kujoniert».

Skierka ist ein alter Hase des Journalismus, er war Volontär bei den «Nürnberger Nachrichten», Korrespondent bei Reuters und der «Süddeutschen Zeitung» in Berlin, Norddeutschland, Nordeuropa und in Lateinamerika, Chefredakteur von «MERIAN» und schrieb eine in viele Sprachen übersetzte Biografie über Fidel Castro. Auch Yücel ist ein erfahrener Journalist: Herausgeber der «Jungle World», «taz»-Edelfeder und Korrespondent für «Die Welt». Er wurde bekannt dadurch, daß er in der Türkei im Gefängnis saß, bloß weil ihn der autoritäre Präsident Erdoğan kurzerhand zu Unrecht zu einem Agenten und Terroristen erklärte.

Samstag Abend auf Schloß Friedenstein. Es gab nur Brezeln, keine Bratwürste. Laut Skierka ereignete sich der Vorfall wie folgt: «Ich war gerade auf dem Weg vom Weinstand zu Kollegen und sah die Runde mit Yücel, der fröhlich herumtanzte. Ich wollte diesen Moment festhalten, diese Schwingungen, wie sie da standen, die waren alle ganz glücklich. Als ich die Runde ablichtete, rief Yücel: ‹Ich möchte nicht von Ihnen fotografiert werden!›. Yücel stürzte auf mich zu. Sehr aggressiv. Ich dachte erst, der schlägt zu. Dann kippte er mir seinen Wein ins Gesicht und warf sein Glas vor mir auf den Boden, so daß es zersplitterte. An mir tropfte von der Brille abwärts der Wein herunter», erzählt Skierka, der seit 55 Jahren fotografiert und dessen Glas ein Riesling vom literarischen Weinberg am Rolandsbogen (am Rhein) füllte (Winzer ist der PEN-Kollege Kurt Roessler). Nach dem Zwischenfall ließ Skierka sein Glas sogleich nachfüllen.

Und was war das nun für ein Wein, den Deniz Yücel aus seinem Glas ins Gesicht von Volker Skierka schleuderte? Es war ein Weißwein, kein Rotwein, wie Petra Reski auf Twitter verifizierte. Wahrscheinlich sei es ein Saale-Unstrut gewesen, vermutet Skierka aufgrund der Tropfen, die ihm von der Brille auf die Lippen getropft seien.

Skierka betont im Gespräch mehrfach, daß er sich nichts Böses dabei gedacht habe, die Gruppe zu fotografieren. Alle haben dort in alle Richtungen fotografiert. Er habe auch erst recht nicht in der Erwartung eines viral gehenden Postings auf Instagram fotografiert. Er sei ganz bewußt nicht auf Instagram und Facebook, deshalb poste er auch keine Fotos, schon gar nicht auf Twitter. Skierka, der seine Fotos seit über einem halben Jahrhundert in seinem Privat-Archiv sammelt, fotografierte, «weil diese Szene einen ausgelassenen Yücel zeigte, ein ungewöhnliches, zeitgeschichtliches Motiv.» Der Ex-Bratwurstbudenkönig mit sich und der Welt im Reinen, tänzelnd im Gothaer Schloßhof. Dieses Bild gibt es und dann das konträre, auf dem Yücel zu sehen ist, wie er auf dem Absatz dreht und mit erhobenen Zeigefinger in Angriffspose auf Skierka zuläuft.

Als Andenken an den Abend behielt Skierka den Glasunterboden mit Stielansatz, den massivsten Teil vom Glas, der heile blieb. «Bereits am Vortag warf mir Yücel ein Knöllchen Papier vor die Füße. Er hatte gut gezielt», blickt Skierka auf den ersten Kongreßtag zurück.

Auch das Knöllchen vom Vortag ist inhaltlich aufgeladen. Yücel wollte gerade im Friede-Springer-Haus einen Antrag stellen, mit dem die Writers-in-Exile-Beauftragte Astrid Vehstedt diszipliniert werden sollte, sich dem gewichtigen Präsidium zu unterwerfen. Auf der Rückseite des Antrags kann man u.a. den Schriftzug «Unverzagt» erkennen. Statt jedoch den Antrag vorzulesen, begann Yücel frei zu improvisieren, steigerte sein Stimmvolumen, beschimpfte die Mitglieder, knüllte den Antrag zusammen und endete schließlich mit dem dramatischen Satz: «Ich möchte nicht Präsident dieser Bratwurstbude sein.» Dabei bewarf er Volker Skierka mit eben diesem Antrag und stürmte hinaus. Es war eine tolle Szene; Frank Castorf hätte es kaum besser inszenieren können.

Vielleicht werden die beiden Erinnerungsstücke einmal als bedeutende Dokumente der Zeitgeschichte ihren Weg finden von Gotha ins Literaturarchiv Marbach…

Verwendete Quelle: «junge Welt» vom 18.05.2022

Journalist

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