: Bericht von der «Querdenken»-Weihnachtsfeier vor dem Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim

Vor dem Gefängnis verteilt Ronja «Danke Michael»-Weihnachtskekse in Herzform. Sie schmecken nach Nelken und Zimt. Eine «LOVE WINS»-Fahne ragt in den blauen Himmel. Die Regenbogenfarben sind ein kleiner Farbtupfer vor den Betongrauen Mauern der JVA Stuttgart-Stammheim, in der Michael Ballweg seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft sitzt wegen des Verdachts der Geldwäsche.

Ronja und weitere Ballweg-Unterstützer haben sich auf dem Parkplatz vor der Justizvollzugsanstalt versammelt um für Ballweg Weihnachtslieder zu singen und für seine Freiheit zu beten. Der Parkplatz ist gesäumt mit brennenden weißen Kerzen auf denen «Querdenken 711» steht.

«Stille Nacht» ist überall, nur nicht hier. Ronja und die anderen Demonstranten rufen «Free Ballweg», sie singen das deutsche Volkslied «Die Gedanken sind frei», sie trommeln, klingeln, pfeifen und läuten Glocken.

Auf diese Weise soll Ballweg, der hinter den hohen Mauern des Gefängnisses sitzt, sie hören und sich nicht alleine fühlen an Heiligabend, so die Hoffnung der Demonstranten.

Gehört werden die Ballweg-Unterstützter allerdings auch von den Nachbarn der Justizvollzugsanstalt im Stuttgarter Wohnviertel Stammheim. Die Anwohner beschweren sich über die lauten Querdenker bei der Polizei und bei der Bezirksvorsteherin. «An Weihnachten so ein Lärm», beschwert sich eine Stammheimerin über die lauten Demonstranten vor ihrer Haustür. «Habt ihr keine Weihnachten?», fragt eine Passantin kopfschüttelnd den Querdenker auf dem Weg zur JVA. Die «Stuttgarter Zeitung» und «Stuttgarter Nachrichten» widmen dem Stammheimer Demoärger sogar lange Berichte in ihren Ausgaben vom 24.12.2022.

Auf die Frage «Warum bist Du heute hier?» antwortet ein Mann mittleren Alters, er wolle heute nicht im Familienkreis feiern, zu sehr gehe der tiefe Riß, den der Streit übers Impfen verursachte, noch mitten durch die Familie. «Ich bin lieber mit der Bewegung vorm Gefängnis vom Michael als daheim bei meine Leit!»

Auf die Frage, warum sie an Heiligabend vor Ballwegs Knast stehe und nicht zu Hause bei der Familie unterm Tannenbaum sitze, antwortet Heike, daß die Querdenker jetzt ihre Familie seien. Von ihrer leiblichen Familie habe sie sich durch Corona so sehr entzweit, daß sie Weihnachten mit ihrer Wahl-Familie auf dem JVA-Parkplatz feiere. «Meine Familie ist weg wegen diesen drei Jahren», sagt Heike über die Zeit der Pandemie.

Michaela weint vor den Mauern des Ballweg-Gefängnisses um ihre vier Freunde, die durch den Generalbundesanwalt inhaftiert wurden. «Seit dem 7. Dezember, zu unrecht», schluchzt sie, die wie Heike aus der Nähe von Karlsruhe kommt. «Für die ist noch niemand da, der wie jetzt für Ballweg so eine Veranstaltung macht für unsere Freunde», klagt Heike über die fehlende Solidarität für die 25 verhafteten mutmaßlichen Putschisten und ihre Unterstützer. Heike erzählt, daß sie ihre verhafteten Freunde vermisse. «Wir haben vier Freunde aus der Reichsbürgerbewegung», erzählt Heike. «Angeblich, vermeintlich», ergänzt Michaela und fordert: «Free Assange und free die anderen 25!»

Ein Polizeibeamter aus Offenburg mit 44 Dienstjahren bei der Polizei, sagt, er sei bereits zu RAF-Zeiten in der JVA Stuttgart-Stammheim im Einsatz gewesen und hätte sich seinerzeit nicht vorstellen können, heute wieder an den Ort zurückzukehren, diesmal um für die Befreiung eines «politischen Gefangenen» zu demonstrieren. Seinen Namen will der Polizeibeamte nicht nennen aus Angst vor «politischer Verfolgung».

Wer wie Ronja, Heike und Michaela seinen Heiligen Abend opfert, um in der Kälte auf dem Parkplatz eines Hochsicherheitsgefängnisses bei der «Querdenken»-Weihnachtsfeier auszuharren, gehört gewiß zum harten Kern der Ballweg-Unterstützer. Die Demonstranten, die Kerzen in den Händen halten und zu Kirchenliedern schunkeln, haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind gegen «das System» und Michael Ballweg spielt in ihren Augen in einer Liga mit Julian Assange, dessen Photo auf den Jacken vieler Demonstranten gleich neben dem von Ballweg klebt.

Daß Teilnehmer der Demo vor der JVA Stuttgart-Stammheim nun auch Freiheit für die 25 am 7. Dezember Inhaftierten fordern, zeigt die Nähe der Querdenker zu den mutmaßlichen Putschisten. Einige der 25 waren und sprachen regelmäßig auf Querdenken-Demos und gehörten teilweise zur Orga lokaler Querdenken-Ableger.