Melnyk kann alles sagen, auch wenn es vielleicht dem Bundespräsidenten unrecht tut

Andrij Melnyk, «der ungewöhnlichste Botschafter aller Zeiten» (FAZ-Sonntagszeitung), mied das Konzert «Für Freiheit und Frieden» der Berliner Philharmoniker, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Schloß Bellevue heute veranstaltete. Mit Valentin Silvestrov, Olena Tsurkan und Oleh Kurochkin waren drei renommierte ukrainische Künstler unter den Gästen des Bundespräsidenten.

Valentin Silvestrov, der Anfang März aus der Ukraine nach Deutschland floh, spielte zwei Soli am Flügel – Fluchtstücke. Die Werke waren erst kürzlich auf der Flucht des 84-jährigen Komponisten von Kiew nach Berlin entstanden.

Olena Tsurkan, die Erste Geigerin im Nationalen Symphonieorchester der Ukraine in Kiew, spielte heute in Schloß Bellevue ebenso im Orchester wie Oleh Kurochkin, ein Violinist aus Jewpatorija.

Melnyk publizierte seine Absage an Steinmeier auf Twitter: «Der Bundespräsident lud mich zum ‹Solidaritätskonzert mit der Ukraine›…ein. Kleiner Spoiler: es treten NUR RUSSISCHE (!) SOLISTEN auf (Pianist Kissin & Bariton Pogossov). Keine UkrainerInnen! Mitten im Krieg gegen Zivilisten! Ein Affront. Sorry, ich bleibe fern. Mein lieber Gott, wieso fällt es dem Bundespräsidenten so schwer zu erkennen, dass solange russische Bomben auf Städte fallen und Tausende Zivilisten Tag und Nacht ermordet werden, wir Ukrainer keinen Bock auf ‹große russische Kultur› haben. Basta»

Ein Botschafter kann selbstredend alles sagen, was in die gegenseitigen Beziehungen paßt. Das heißt: er kann sehr freimütig und ungeniert (oder sogar bösartig) sprechen, wenn er ein mächtiges Land vertritt. Wenn nicht, muß er vorsichtig sein.

«Mächtig» bedeutet politisch und militärisch und wirtschaftlich mächtig, oder auch, wie im Fall Ukraine, mit viel Medienmacht hinter sich.

Melnyk hat diese Macht hinter sich und kann alles sagen Melnyk kann alles sagen, auch wenn es vielleicht dem Bundespräsidenten unrecht tut. Schließlich trat mit Valentin Silvestrov ein Ukrainer mit zwei Soli auf während des Konzerts des Bundespräsidenten.

Und der Pianist Evgeny Kissin setzte als israelischer Jude mit seinem heutigen Solo in Schloß Bellevue ein Zeichen der Solidarität mit seinem jüdischen Glaubensbruder Wolodymyr Selenskyj, dem ukrainischen Präsidenten, der im bombardierten Kiew tapfer ausharrt.

Insgesamt tat es gut, daß die vom Bundespräsidenten eingeladene Künstler unterschiedlicher Nationen statt der vielerorts zu hörenden Kriegstrommeln in Schloß Bellevue völkerbindende Töne des Friedens anstimmten.

Das heutige Konzert in Schloß Bellevue war zudem eines von mehreren, mit denen die Berliner Philharmoniker Spenden sammeln für die Ukraine.

Seit Beginn des Angriffskriegs rufen die Berliner Philharmoniker im Rahmen ihrer Partnerschaft mit der UNO-Flüchtlingshilfe zu Spenden für die Ukraine auf. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), dessen nationaler Partner die UNO-Flüchtlingshilfe ist, arbeitet seit langem in der Ukraine und der gesamten Region. Die Maßnahmen sind aktuell jedoch immer noch stark unterfinanziert. Das möchten die Berliner Philharmoniker ändern. Der Bundespräsident unterstützt das humanitäre Engagement der Berliner Philharmoniker für die Ukraine mit seinem heutigen Konzert.

Die Spendensammlung der Berliner Philharmoniker für die Ukraine wird mindestens fortdauern bis zum Europakonzert des Orchesters im Opernhaus Odessa am 1. Mai. Die Europakonzerte der Berliner Philharmoniker begannen am 1. Mai 1991 in Prag und finden dieses Jahr in Odessa an einem würdevollen Ort statt, um eine Geste der Solidarität und des Friedens an das vom Krieg gebeutelte ukrainische Volk zu senden.

Karten gibt es noch für das Europakonzert der Berliner Philharmoniker im Opernhaus Odessa am 1. Mai. Vielleicht findet sich unter den Zuhörern dann auch Botschafter Melnyk.

Journalist

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