Staatstrauertag in Belgien für Flutopfer

In Deutschland fühlen sich viele Betroffene der Flut nicht rechtzeitig gewarnt.

Doch international war die drohende Gefahr eines Hochwassers rechtzeitig erkannt worden. Am 17. Juli kursierte das Zitat einer Mitarbeiterin der englischen Universitätsstadt Reading, die bemerkte: „Schon mehrere Tage vorher konnte man sehen, was bevorsteht. Alle notwendigen Warnmeldungen der Wetterdienste sind rausgegangen. Doch irgendwo ist diese Warnkette dann gebrochen, so dass die Meldungen nicht bei den Menschen angekommen sind.» (Prof. Dr Hannah L. Cloke, University of Reading)

In Reading steht zufällig das europäische Wetterzentrum, dem einer der leistungsstärksten Computer der Welt (Cray XC3) für ihre Wetterberechnungen zur Verfügung steht. Aber was nutzt alle Digitalisierung, wenn die daraus generierten Warnungen nicht ernst genommen werden?

Übrigens hat die EU beim Austritt der Briten aus der EU beschlossen, eine Niederlassung dieses Europäischen Wetterzentrums auf dem Gebiet der verbliebenen EU einzurichten. Als Standort für die neue Einrichtung hatte sich unter anderem Barcelona. Die Wahl fiel jedoch auf die deutsche Stadt Bonn.

Ministerpräsident Laschet verkündet noch am 7. Dezember 2020 auf der Website des Bundesministeriums für Verkehr und Infrastruktur:

«Die Entscheidung des Europäischen Zentrums für Mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) für den Standort Bonn ist eine Entscheidung für Europa, Exzellenz und Vernetzung. Nordrhein-Westfalen bietet dem EZMW und seinen Mitarbeitern hervorragende Arbeits- und Lebensbedingungen im Herzen Europas mit ausgezeichneten Voraussetzungen in den Bereichen Wissenschaft, Forschung und Nachhaltigkeit.»

So gut kann die Vernetzung wohl nicht sein, wenn die Warnungen aus dem eigenen Haus dort verpuffen.

Es ist der gleiche Laschet, der im englischsprachigen Magazin Politico am 15. Juli 2021 versucht, einen Bezug von der hausgemachten Überschwemmungskatastrophe mit Todesopfern zum Klimawandel herzustellen:

«Wir werden immer wieder mit solchen Ereignissen konfrontiert, und das bedeutet, wir brauchen mehr Tempo beim Klimaschutz – bundesweit, europaweit, weltweit. Jeder muss jetzt seine Maßnahmen ergreifen, und da brauchen wir mehr Schwung für den Klimaschutz sowie präventive Massnahmen zur Anpassung an den Klimawandel.»

Das Europäische Wetterzentrum in Bonn hat einen ihrer Schwerpunkte in der Erforschung des Klimawandels und ist selbst mit dieser speziellen Expertise nicht in der Lage, die Probleme zu erkennen und vorbeugende Maßnahmen zu initiieren. Dann hat es wohl doch weniger mit dem Klima zu tun als mit einem ganzen Strauß von externen Faktoren, von denen das mangelhafte Meldewesen und überfordertes örtliches Krisen-Management nur einen Ausschnitt darstellen. Bekannt ist, dass eine dichte Bebauung ehemaliger Auen, die Begradigung von Flüssen und die Versiegelung großer Flächen dazu beitragen, dass es nicht nur zu dieser Katastrophe kommen konnte, sondern dass sie vorhersehbar war.

Am Ende bleibt stehen, dass diese Katastrophe hausgemacht ist und die Versuche, einen Zusammenhang zu Klimagefahren zu konstruieren, ein durchsichtiges Wahlkampfmanöver ist. Längst ist unter Wissenschaftlern bekannt, dass die verfügbaren Wetterdaten der letzten Jahre belegen, dass die Regenmenge in unseren Sommern nicht zugenommen hat (Quelle: Deutscher Wetterdienst) und es keine Zunahme von Extremwetterereignissen gibt.

So dokumentierte ein Team der National University in Canberra, dass die globalen Niederschläge in den letzten 70 Jahren trotz globaler Erwärmung sogar weniger extrem geworden sind, und dies sowohl in zeitlicher als auch in räumlicher Hinsicht. Eher gibt es eine Tendenz zu ausgeglicheneren Verhältnissen: Trockene Gebiete wurden feuchter, und feuchte Gebiete wurden trockener. Eine Temperaturabhängigkeit der Niederschlagsvariabilität war nicht festzustellen.

Zu einem ähnlichen Schluss kam 2021 auch eine Forschergruppe um Louise Slater von der University of Oxford. Sie hat über 10.000 verschiedene Flußpegel-Aufzeichnungen aus der ganzen Welt ausgewertet und für die letzten 50 Jahre auf Trends hin untersucht. Die Wissenschaftler stießen dabei auf signifikante Veränderungen, die sich je nach Klimazone und betrachtetem Zeitmaßstab jedoch voneinander unterschieden. Im globalen Maßstab hat die Stärke der Überflutungen insgesamt abgenommen. Die sogenannten Jahrhundert-Hochwässer sind in den trockenen und gemäßigten Klimazonen der Erde zurückgegangen. Das sind jene Hochwasser-Ereignisse, die statistisch gesehen alle 100 Jahre auftreten. In den kalten Regionen der Erde zeigten sich bei den Jahrhundert-Hochwässern durchmischte Trends.

Das Umweltbundesamt berichtete in seinem Monitoringbericht zur deutschen Anpassungsstrategie an den Klimawandel 2019, dass keine Hochwassertrends feststellbar seien: ‹Die Zeitreihe zum [deutschen] Hochwassergeschehen ist durch einzelne wiederkehrende Hochwasserereignisse sowohl im Winter- als auch im Sommerhalbjahr geprägt. Signifikante Trends lassen sich nicht feststellen.›

Dipl.-Met. Marcus Beyer beim Deutschen Wetterdienst stellt die entscheidende Frage: «Warum sind so viele Menschen gestorben? Warnungen wurden Tage im Voraus ausgegeben. Das Ausmaß der Niederschläge wurde von den Modellen in den kommenden Tagen gut erfasst. Erste Vorwarnungen wurden drei Tage im Voraus ausgegeben. Zwei Tage im Voraus wurde über MOWAS gewarnt. Trotz der langen Vorlaufzeit konnten so viele Menschen nicht mehr geschützt werden und mussten sterben.»

Im Gedenken an die Opfer der verheerenden Überschwemmungen beging Belgien am 20. Juli einen Tag der nationalen Trauer. Von 12.01 Uhr bis 12.02 Uhr wurde im ganzen Land eine Schweigeminute abgehalten. Regierungschef Alexander De Croo erklärte, der Staatstrauertag werde ein Moment sein, um sich zu sammeln angesichts der zahlreichen Todesopfer. Er biete aber auch die Möglichkeit, die «vielen Solidaritätsbekundungen und das von den Belgiern empfundene Zusammengehörigkeitsgefühl zu würdigen».

Journalist

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