Die acht Toten im Hamburger Königreichssaal der Zeugen Jehovas (ZJ) seien laut Polizei die Tat eines mutmaßlichen Amokläufers. Die Schießerei könnte ein Konflikt innerhalb einer Sekte sein. Solche Fälle sind bereits bekannt u.a. aus den USA.

Die Vermutung, daß die Tat in Hamburg einen internen Hintergrund hatte, wird dadurch gestützt, daß Suizid für ZJ oftmals die einzige Möglichkeit ist, dieser Sekte zu entkommen. Daher könnte es sich um einen erweiterten Suizid eines mutmaßlichen Mitglieds oder eines Aussteigers handeln.

Es mag für Außenstehende nicht nachvollziehbar sein, wieso Mitglieder nicht einfach gehen, aber lebenslange Indoktrination und die starke, meistens alleinige Bindung an diese soziale Gruppe, macht einen Weggang oft unmöglich.

In der Grundschule saß ein Mädchen der ZJ neben mir. Vier Jahre lang waren wir in derselben Klasse. Daniela dürfte sich nie mit mir außerhalb der Schule bzw. des Schulwegs treffen. Weil wir fast denselben Schulweg hatten, haben wir auf dem Schulweg Zeit miteinander verbracht.

Ich habe sie einmal gefragt, warum sie nicht zu meinem Geburtstag kommen darf, obwohl ich Daniela eingeladen hatte.

Sie sagte, sie dürfe so etwas nicht, weil sie ZJ sei. Das fand ich schade, aber ich habe es einfach so hingenommen.

Auf dem Schulweg war ein kleines expert Elektronikgeschäft mit einem Grundig TV im Schaufenster. Wenn der Fernseher im Schaufenster lief, blieb Daniela immer vor dem Geschäft stehen, drückte ihre Nase gegen die Glasscheibe und versuchte einzutauchen in die Welt des Fernsehers. Allerdings tonlos. Nur das Bild war durch die Scheibe zu sehen. Es war ja mittags auf dem Schulweg nach Hause. Meist liefen eh nur langweilige Programme. Daniela fand dies gar nicht langweilig, sondern aufregend. Sie erzählte mir, daß sie keinen Fernseher zu Hause hatte.

Daniela war immer gekleidet in einem beigen Rollkragenpullover, beiger Cordhose und beiger Trainingsjacke. Ziemlich langweilig, wie ich es damals empfand. Nie hatte sie was Modisches, Aufregendes oder Farbenfrohes an.

Daniela hatte zumindest nicht die Möglichkeit, sich für diesen Lebensstil frei zu entscheiden. Sie wurde in die ZJ hineingeboren, sie wurde von diesen erzogen und geprägt. Sie hatte nicht die Möglichkeit, sich dieser totalitären Indoktrination und festen Bindung an diese soziale Gruppe zu entziehen. Ich habe sie nach der Grundschule nicht mehr gesehen. Ich hoffe, es geht ihr gut.

Heute gegen 12 Uhr will die Polizei Hamburg auf einer Pressekonferenz Auskunft geben über den aktuellen Sachstand der polizeilichen Ermittlungen. Das Sekten-Problem kann die Polizei allein allerdings nicht lösen. Dafür braucht es zivilgesellschaftliches Engagement wie es der JZ Help e.V. leistet.

Der Tatort im Deelböge 17 in 22297 Hamburg am Morgen nach der Tat.