CORONA: eine Bilanz aus linker – genauer: aus selbstkritischer linker Sicht

“Corona und linke Kritik(un)fähigkeit”
herausgegeben von Gerhard Hanloser, Peter Nowak, Anne Seeck
Neu-Ulm 2021 (AG SPAK Bücher)

Eine Rezension von Prof. Dr. Werner Daum

Corona ist vorbei. Im Februar lag die Todesrate für 100.000 Erkrankte (in NewspeakInzidenz” genannt) bei 35. Für Grippe lag sie bei 40. Ja – Corona ist vorbei. Aber die, die die Macht haben (das sind die Herren der Medien und ein bisschen auch die Regierung), die haben nur einen Probelauf absolviert. Und sie werden wiederkommen, mit anderen Themen. Wir sollten vorbereitet sein.

Zeit also, um darüber nachzudenken, was wir in den beiden letzten Jahren erlebt haben, wie wir reagiert haben, ob wir das alles nur erduldet haben, oder was wir falsch gedacht haben. Dieses Buch ist ein ungewöhnlicher und nachdenklicher Beitrag dazu. Ein Buch, das von einer Perspektive bewusster Voreingenommenheit den Blick auf die dunklen Flecken der deutschen Corona-Politik lenkt. Ein Buch, in dem viele der 35 Einzel-Beiträge Augen öffnen. Bequem zu lesen: Die Texte sind kurz und prägnant, und bei allen haben die Herausgeber offensichtlich auf leserfreundlicher Untergliederung bestanden.

Wie nicht anders zu erwarten, sind die einzelnen Beiträge von unterschiedlicher Qualität: Die Partitur reicht von kluger Beobachtung bis zu mühsam buchstabiertem Glaubensbekenntnis. Meine Auswahl ist subjektiv.

Am Anfang steht ein Text von Anne Seeck. Zu Recht. Sie kontrastiert das, was “eigentlich” links sein sollte – nämlich der Fokus auf den Marginalisierten der Gesellschaft – mit dem, was Sahra Wagenknecht sehr plastisch die Lifestyle Linke genannt hat. Also jene urbanen akademischen Milieus, alle irgendwie am staatlichen Tropf, keine Ahnung vom Lebensrisiko der Arbeiterklasse. Und die diese kleinen Leute (“ein Bier, ein Schnitzel, Mallorca”) verachten. 

Denn nicht alle sind gleich betroffen gewesen

schreiben die Herausgeber auf Seite 7. Genau das ist es. Genau darum sollte es bei einer linken Kritik gehen. Diese prekären Bevölkerungsschichten sind:

– die alten Menschen: die allein Lebenden, und die in den Pflegeheimen

– die Kinder, denen man die Schule und ihre soziale Welt weggenommen hat (dreimal so viele Schultage wie in Frankreich oder Spanien, sechsmal so viele wie in Schweden)

– Frauen, weil sie überproportional in weniger privilegierten Berufen arbeiten (Supermärkte, Pflege, Reinigung). In Jobs, die keine eigene Zeitautonomie zulassen, und keine physischen Rückzugsräume besitzen.

Zu allen Gruppen gibt es ein Kapitel, auch zu denen, die dadurch zum ersten Mal überhaupt sichtbar gemacht werden (Obdachlose, Gefangene, etc.).

Im Einzelnen

Ich fange an mit Michael Kronawitters “Malen nach Zahlen”. Es geht um Schweden. Oder genauer: es geht gar nicht um Schweden, sondern um den deutschen Blick auf Schweden.

Die Gier der deutschen Medien nach toten Schweden

Kronawitter öffnet Augen: da werden die so groß wie Wagenräder, und wollen aus dem Kopf herausfallen. Kronawitter kommt zu dem Ergebnis, dass die Corona-Auswirkungen, also das durch den Virus verursachte Leiden, identisch waren: dort, und hier bei uns. Gleichviel Tote, gleichviel Krankenhaus-Aufenthalte. Doch darum ging es den deutschen Medien nicht: Sie hofften inständig auf viele tote Schweden, weil die die Dinge nicht so machten wie wir. 

Die alten Menschen in den Pflegeheimen

Zu Recht thematisieren eine ganze Reihe von Beiträgen die Situation der alten Menschen. Sie wurden zwei Jahre lang nicht als Menschen, sondern als Nicht-Menschen behandelt. Eingesperrt. Ihrer Freiheit beraubt. Nur, weil sie alt waren. Als die Mutter meines Hausarztes im Sterben lag, ließ man den Sohn nicht zu ihr. Ich musste mit meiner Frau von der Straße aus durch ein halb geöffnetes Fenster sprechen. Hinter dem Fenster war noch eine Tischbarriere. Meine Frau konnte mich nicht hören, hat mich nicht erkannt. 

Wo war der Fehler? Ich will jetzt nicht den besserwisserischen hindsight markieren. In den ersten Monaten, Frühjahr 2020, wusste niemand, wie man mit der Pandemie umgehen sollte. Niemandem kann man die Fehler jener Anfangszeit vorwerfen: Aber was man den Medien, und vor allem unserer Kanzlerin und ihrem Gesundheitsminister vorwerfen muss, das ist: Das Schicksal der Alten hat sie überhaupt nicht interessiert! Sie haben weder Fachleute beauftragt, noch eine öffentliche Diskussion in Gang gesetzt, wie man mit den Auswirkungen der Pandemie auf die alten Menschen umgehen sollte. Im Strafrecht nennt man das dolus eventualis. Durch ihre pflichtwidrige Unterlassung tragen unsere Kanzlerin und ihr Minister Verantwortung für sehr sehr viele Todesfälle.

Die rider

Ich habe in dem Buch ein neues Wort gelernt! rider – das sind die Fahrrad-Boten, die den Lifestyle-Linken Pizza und Burger bringen, Cola und Bier. Auch noch abends um 10.

Peter Nowak berichtet über die rider und all die anderen unter der suggestiven – aber korrekten – Überschrift “Klassenkämpfe in Zeiten von Corona”.

Ich hoffe, dass das Salz und der Zucker in den Pizzen und Colas eher früher als später wirkt.

Klassenkampf

Zwei Drittel der Menschen in unserem Land produzieren die materiellen Güter, die wir zum Leben brauchen: Essen, Fahren, Wohnen, Freude, Vergnügen, Reinigen: Verkäuferinnen, Krankenschwestern, die Sparkasse, Sicherheit (Polizei), Bauern: das ist heute die Arbeiterklasse. Zu ihnen gehören auch alle Menschen, die auf dem flachen Land leben: ohne Postamt, ohne Arzt, ohne Apotheke, ohne Sparkasse, ohne Bus. Sie alle waren von Corona ungleich stärker getroffen, nicht nur gesundheitsmäßig (Andreas Klein; Peter Nowak), sondern auch durch die weitere Verschlechterung ihrer materiellen Situation.

Der Chattering Class ist das egal. Sie bezieht ihr Geld irgendwie vom Staat. Es kam ungeschmälert weiter. Dass die Taxifahrer in den beiden Corona-Jahren ein Drittel ihres Monatslohns eingebüßt haben, das berührt sie nicht.

Das ungeheure Verdienst dieses Buches ist es, die überproportionale Getroffenheit der Marginalisierten, der Prekären – die zwei Drittel der Bevölkerung ausmachen – zum ersten Mal sichtbar gemacht zu haben.

Mein Gesamturteil: Das Buch ist ein Augenöffner. Dank seiner klassisch linken/marxistischen Argumentation. Oder täusche ich mich in der Definition? denn eigentlich ist das, was in diesem Buch gesagt wird, nur vernünftig, humanistisch! und für jeden nachvollziehbar.

Journalist

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