Aussteiger aus «Demokratischem Widerstand» bricht sein Schweigen

Last Updated: 29. November 2022By

Interview mit Aussteiger Nathan Gray

Zum Verein

Im Impressum aller Ausgaben Nummern 1 bis 75 steht: «Gegründet am 25. und 28. März 2020 im Foyer der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin». Deine Unterschrift steht unter dem Gründungsprotokoll (weiß ich von Anni, die auch unterschrieben hat). Was kannst Du zu Deiner Unterschrift sagen? Wann und wo hast Du das Dokument unterschrieben?

Nathan Gray: Nun ja, es kommt darauf an, ob man jetzt ganz konkret von der e.V oder von der Bewegung an sich reden möchte. Es mag sein, dass im März im Foyer der initiale Zündfunk war, ein e.V aber bedarf 7 Mitglieder sowie eine Vereinssatzung und ein Gründungsprotokoll, welches notariell beglaubigt und im Vereinsregister eingetragen werden muss. Entsprechend war die tatsächliche Vereingründung am 05.06.2020. Die Unterschrift wurde am 13.05.2020 beim Notar Frank Rohrlack in der Karl-Marx-Allee 90A, 10243 Berlin geleistet.

Zur Zeitung

Was weißt Du über die tatsächliche Druckauflage?

Nathan Gray: Über die aktuelle Druckauflage kann ich nichts sagen. Es gab eine Zeit, da die Druckauflage tatsächlich recht hoch war, d.h eine Auflage mehrerer Hunderttausend und einmal sogar eine halbe Million. Dass noch immer damit geworben wird erinnert eher an diese Aufkleber von Tripadvisor, auf dem ein Restaurant das „Certifcate of Excellence“ aus dem Jahre 2018 noch zur Schau stellt. Nun ist aber die wichtigere Frage, wie viele Leser gibt es. Zum damaligen Zeitpunkt gab es eine Abonnentenliste von einigen Tausend. Nur weil man die Zeitung großflächig verteilt, heißt das noch lange nicht, dass sie auch angenommen und gelesen wird. Wenn man jetzt quasi im Vorbeifahren das Ding aus dem Fenster schmeißt und hinterher behauptet, das absatzstärkste Produkt zu haben, ist das statistische Augenwischerei.

 – Welche Lügen im DW kennst Du? Z. B.:

– Ausgabe 14 Seite 10 – BEIM ESSEN GESTÜRMT von Joana Janus

– Ausgabe 18 Titelseite – Jens Spahn kokainsüchtig

Nathan Gray: Im Kern sind das die einzigen konkreten Artikel, die ich benennen kann. Der Artikel von/über Joana hat mich aber durchaus verärgert. Es ist jetzt nicht so, dass es komplett umgeschrieben wurde, doch es gibt ein paar Schlüsselwörter, die dazu führen, dass dem Leser einen völlig anderen Sachverhalt suggeriert wird. Zunächst der Titel, „beim Essen gestürmt“, impliziert schon ein gewaltsames Eindringen in das Lokal, tatsächlich waren die Beamten aber vor der Tür, also draußen. Außerdem wird gesagt, sie wären in voller Kampfmontor, was ebenfalls nicht stimmt und zu guter letzt die sarkatische Bemerkung, dass sie sich „im ABC Anzug“ frei bewegen konnten, also wieder, dass sie im Lokal waren – wobei ich davon ausgehe, dass damit eigentlich die Schutzausrüstung der Hundertschaften gemeint ist, denn es ist mir nicht bekannt, dass Polizisten jemals ABC Anzüge tragen. Im Übrigen war der unsprüngliche Titel „politisch unerwünschtes Dinieren“.

Was die Ausgabe mit Spahn angeht, nun gut. Witzig ist es, aber natürlich unsinnig. Dass Italien dasteht war angeblich einfach ein Fehler, wobei es mir wahrlich schleierhaft ist, wie man Dahlem mit Italien verwechseln kann. Dass er kokainsüchtig sein soll beruhte Anselm Lenz zufolge darauf, dass er ihn einmal auf einer Party kennengelernt habe und er den ganzen Abend immer wieder am Koksen war. Nun, das kann natürlich stimmen, daraus lässt sich aber noch lange keine Sucht ableiten und selbst, wenn es so wäre, ist es offensichtlich, dass ich das nicht ohne Beweise in einer Zeitung schreiben kann, ohne mit einer Verleumdungsklage rechnen zu müssen.

Ein weiterer irreführender Punkt, obschon es nicht im direkten Zusammenhang mit dem Inhalt steht, ist die ewige Mär vom gesperrten Konto. Tatsächlich gab es einige Banken, die aus „ethischen Gründen“ eine Zusammenarbeit abgelehnt haben. Vielfach aber beruhten die Probleme auf Sachen, die der Vorstand zu vertreten hatte. So musste ich beispielsweise einmal satte 3 Wochen! auf einen Ausweis Kopie von Anselm warten, welche ich für den Kontoeröffnungsantrag benötigt habe. Des Weiteren waren die persönlichen Vermögensverhältnisse des Vorstands bei der Eröffnung eines Geschäftskontos hinderlich sowie die Tatsache, dass Hendrik keine feste Meldeadresse hatte.

– Was hältst Du davon, daß der DW seine Zeitung nutzt um Lügen zu verbreiten?

Nathan Gray: Ich finde das natürlich schlecht. Und nicht nur die „Lügen“, sondern überhaupt diesen plakativen Charakter. Wer dauernd davon redet, dass in anderen Medien Lügen erzählt werden, sollte sich in besonderem Maße der Wahrheit und Sachlichkeit verpflichtet fühlen. 

– Was hältst Du vom Business Charakter des DW? Der Gründung einer GmbH?

Nathan Gray: Die Gründung der GmbH betrifft nur den Verlag, über den ich an und für sich nichts sagen kann. Was den Business Charakter des Vereins angeht, ist das, wie im Übrigen bei allen anderen solcher Gruppierungen, etwas sehr bedenkliches. Denn die Akteure machen den „Widerstand“ zu ihrem Lebens- und Geschäftsmodell und bestreiten damit recht auskömmlich ihren Lebensunterhalt. Da ist der Verdacht natürlich nahliegend, dass diese Personen gar kein Interesse daran haben, dass sich tatsächlich irgendetwas ändert, da sie dann obsolet wären. 

– Wie findest Du die Bettel-Aufrufe vom DW?

Nathan Gray: Das ist ein schwieriges Sachverhalt. Anfangs war das verständlich, denn es floß auch einiges an Arbeit und Mühe in die Organisation und es gab selbstredend auch Kosten, zumal die Zeitung kostenlos war. Nun ist die Zeitung aber kostenpflichtig und der DW organisiert (zumindest nicht mehr alleine) keine Demos mehr – wobei ohnehin sich die Frage stellt, inwiefern durch den Aufruf, auf die Straße zu gehen, überhaupt Kosten entstehen. Dass die Zeitung kostenpflichtig ist, ist legitim, ebenfalls, dass die Leute, die Vollzeit daran arbeiten einen Lohn erhalten und Profit generiert wird. Da fragt man sich dann allerdings, wieso angesichts der Einnahmequelle Spenden noch nötig sind. Anfangs betätigte sich der Verein aktivistisch, jetzt ist der Aktionismus bei 0 angekommen. Wo bleibt der Transparenz? Wie werden diese Spenden eingesetzt? Wer profitiert?

– Wie war die Redaktionsarbeit im DW?

Nathan Gray: Ich kann wenig dazu sagen. Ich habe nicht an den Inhalt aktiv mitgearbeitet.

– Wie respektvoll war das Miteinander bei Treffen, beim Kommunizieren?

Nathan Gray: Das ging ganz gut, sicherlich gabs Differenzen aber zumindest aus meiner Sicht war das unproblematisch.

– Warum hast Du die DW-Redaktion verlassen?

Nathan Gray: Es waren verschiedene Dinge. Zunächst einmal einfach Differenzen bei der Sichtweise, was jetzt angemessen ist in der Zeitung, z.B die oben aufgeführten Punkte aus den Ausgaben 14 und 18. Zudem war die Arbeit durch Desorganisiertheit und Unklarheit oft erschwert und ich fand zu dem Zeitpunkt, dass es andere Aktionen und Protestformen gab, die effektiver waren und bei denen ich mich lieber eingebracht habe. Den endgültigen Schlussstrich habe ich gezogen, als ich aus persönlichen Gründen einmal nicht so gut zu erreichen war und daraufhin Anselm Lenz wie ein Beserker anfing, mich zu beleidigen und mir allerei Sachen zu unterstellen. Da war dann für mich klar, dass ich das sein lasse. 

– Wie beurteilst Du Anselm Lenz als Journalist, Herausgeber und Verleger? Ist er ein guter Journalist, Herausgeber und Verleger?

Nathan Gray: Über seine Tätigkeit als Herausgeber und Verleger kann ich nicht viel sagen. Die Sicht auf ihn als Journalist ist sicher auch differenziert zu betrachten. Anselm ist unbestreitbar ein sehr intellegenter und gebildeter Mann, der auch als Journalist tolle Artikel schreiben kann – man denke z.B an den seinerzeit im Rubikon erscheinenen Artikel, für den er von der TAZ geflogen ist. Rein auf die Zeitung DW bezogen würde ich aber sagen, es lässt einiges zu wünschen übrig, da hier sehr oft eher auf Dramatisierungen gesetzt wird als auf belegbare Inhalte.

– Was weißt Du über Johnny Rottweil, den sich Anselm Lenz ausgedacht haben soll?

Nathan Gray: Hierzu kann ich nichts sagen.

– Was weißt Du über Batseba N‘Diaye (Betsi), die sich Hendrik Sodenkamp ausgedacht haben soll?

Nathan Gray: So wie mir berichtet wurde, ist das ein Pseudonym, der Hendrik erfunden hat. Jedenfalls habe ich nie eine solche Person getroffen.

– Was weißt Du über Giorgio Agamben und seine Rolle beim DW und seine Tätigkeit als DW-Herausgeber und DW-Autor?

Nathan Gray: Auch hier kann ich wenig sagen. Der Name ist mir bekannt ebenso wie einige Artikel. Inwiefern und was für eine Rolle er gespielt hat, weiß ich nicht.

– Wie gefällt Dir heute bzw. rückblickend die Zeitung DW? Ist der DW (noch) interessant? Ist der DW inspirierend? Sind die DW-Texte thematisch breit gefächert?

Nathan Gray: Anfangs fand ich die Zeitung sehr gut, der Inhalt war sauber, kritisch und bissig und brachte eine andere Sichtweise als handfestes und analoges Medium wortwörtlich auf die Straße. Das änderte sich irgendwann und ich habe aufgehört, die Zeitung zu lesen. Das lag zum Einen an dem immer plakativeren bis absurden Inhalt, zum Anderen daran, dass sich der allgemeine Duktus einfach nicht veränderte und ich nicht zum 100sten Mal lesen musste „Wir stürtzen die Regierung“ oder „Das ist Faschismus“ oder ähnliche Phrasen. Die letzten Ausgaben scheinen wieder etwas an Qualität und gewonnen zu haben, allerdings sind das dann Inhalte, über die ich schon informiert bin aus anderen, mitunter sachlicheren und breiter gefächerten Medien. Sicherlich bemüht sich der DW darum, ein Spektrum abzubilden, aber ich finde es persönlich nicht ausreichend. Wie das geht, zeigt z.B die Wochenzeitung Junge Freiheit, die ich sehr gerne lese und die meines Erachtens einen erheblichen Beitrag zum sachlichen gesellschaftlichen Diskurs leistet. Freilich, das kann man ja auch nicht erwarten von einer kleinen Redaktion, doch wäre dann die Frage, ob es sich nicht lohnen würde, das Erscheinungsintervall zu verändern und mehr auf Qualität als Quantität zu achten – ein nicht nur von mir vielfach geäußerter Vorschlag. Zudem richtet sich die Zeitung ausschließlich ans eigene Lager und verfolgt keine Ambitionen, auch zur Meinungsbildung der breiteren Gesellschaft beizutragen – was auch vielfach von den Vorständen selbst geäußert wurde. 

– Führt die Redaktion einen Diskurs über die Bewegung an sich? Und wenn nein, warum nicht?

Vgl. nächste Antwort

– Wäre nicht eine Zeitung der Bewegung – wie der DW – der ideale Ort, um einen lebhaften Diskurs zu führen über die Bewegung?

Nathan Gray: Ja, das stimmt. Und es ist schade, dass das nicht geschieht. Es wundert mich aber nicht, denn zu oft wird jede Kritik mit dem Vorwurf der Spaltung quittiert. Wir hatten mal einen Artikel/eine Kritik geschrieben hinsichtlich Querdenken bzw. der Demo am 29.08.2020. DW hat sich geweigert, das zu veröffentlichen, um es sich mit Querdenken nicht zu verscherzen. Den besagten Artikel findest du zu deiner Information anbei.

Zur Bewegung allgemein:

Wie beurteilst die Zersplitterung der Bewegung?

Nathan Gray: Da gibt es sicherlich viele Meinungen zu. Ich persönlich sehe die Problematik weniger darin begründet, dass es viele Gruppierungen gibt, als dass sich stets jegliche Kritik an der Ausführung verbietet. Wer dies tut, der gilt schnell als Spalter, Hetzer oder Provokateur. Das ist etwas, was immer wieder passiert und macht eine sachliche Diskussion und ein Weiterentwickeln unmöglich. Zudem merkt man, dass viele noch immer Angst vor dem Urteil der Mainstreammedien haben und versuchen, möglichst angepasst und sanft zu sein, ja gar nicht aufzufallen, um schöne Bilder zu kreieren und keine Munition zu liefern. Dabei verkennen sie, dass es egal ist, was man tut oder nicht tut, gewisse Dinge werden einem sowieso aufs Brot geschmiert, denn so funktioniert Propaganda. Aus meiner Sicht fing vieles an mit dem Einzug von Querdenken ins Geschehen. Aus belebten Protesten wurden rasch zahme, durchregelmentierte Events (auch etwas vertiefter dem beigefügten Artikel zu entnehmen). Die Proteste nahmen andere Konturen an, die Masse veränderte sich immer mehr zum Esoterischen und Schwurbeligen hin. Nicht mehr selbst tätig werden, sondern gemächlich Reden lauschen war das Credo, von dem sich die Bewegung scheinbar noch immer nicht erholt hat. Da ist es auch nicht überraschend, dass viele Menschen, die von Anfang an dabei waren und keine Gelegenheit ausgelassen hatten, auf die Straße zu gehen sich nun ins Private zurückziehen und sich einfach auf ihr Leben bzw. ihr unmittelbares Umfeld konzentrieren. Nicht, weil sie per se demomüde sind oder ihre Meinung sich verändert hat, sondern weil sie keinen besonderen Mehrwert darin sehen, mit einer Kerze am Brandenburger Tor rumzustehen oder bei einem Montagsspaziergang schurstraks auf den Alexanderplatz zu laufen anstatt durch belebte Kieze, obwohl allseits bekannt ist, dass auf dem Alex stets ein massives Polizeiaufgebot herrscht, die Beamten schon alleine aufgrund der Örtlichkeit leichtes Spiel beim Einkesseln haben und die einzigen Zeugen die klinisch Verrückten, sozial Verfallenen und mit Impfpass und Maske bewaffeten Zombies in der Schlange vor Primark sein werden. 

– Wie findest Du den derzeitigen Zustand von Studenten stehen auf?

– Bitte beschreibt das sektenhafte der Gruppierung.

– Wie war die Situation als jemand unterschwellig gerügt wurde, wenn man nicht mitgechillt hat?

Nathan Gray: Nach kurzer Überlegung möchte ich mich derzeit doch nicht zu Studenten stehen auf äußern. Ggf. mache ich das zu einem späteren Zeitpunkt separat.

One Comment

  1. Exodus «des Widerstands» –  29. November 2022 at 16:24 - Reply

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