Napoleon auf Amerikanisch

Last Updated: 30. Dezember 2023By

Foto mit freundlicher Genehmigung von Sony Pictures/Apple Original Films © 2023 Apple

unser Gastautor Prof. Dr. Werner Daum war im Kino, um sich den Blockbuster des Jahres anzuschauen

… und hat (fast) alle seine Vorurteile betsätigt gefunden.

Ich will aber niemandes Urteil vorgreifen, denn die Schlachtenszenen sind aufregend gefilmt. Das Blut fließt, die Soldaten, die ins Eis einbrechen, färben das Wasser mächtig rot. Eine Szene bleibt unvergessen: wie (in Borodino? oder war es Waterloo? in dem Film ist alles dasselbe) ein von einer Kanonenkugel getroffenes Pferd einen Salto rückwärts macht. Darf das sein? Männer darf man ja umbringen. Aber Frauen und Kinder nicht. Und Tiere: «Tiere umbringen unter Freunden, das geht gar nicht» würde unsere Ihr-schafft-das-schon-was-ich-euch-einbrocke-Kanzlerin sagen.

Mich hat der legere Umgang mit der historischen Realität ziemlich gestört: Da schaut Napoleon auf einem Platz (der nicht die Place de la Concorde ist) der Guillotinierung von Marie Antoinette zu, obwohl er da in Marseille war. Solche psychischen Wahnvorstellungen nennt man Bilokation.

Toulon sieht nicht aus wie Toulon, sondern wie La Valletta. Es ist auch La Valletta. Ja, warum sollte man die Eroberung von Toulon denn in Toulon filmen? Da sprechen die Leute diesen komischen indogermanischen Dialekt – dann doch lieber in Malta, wo man auch beim Bäcker sich mit Englisch verständigen kann, und wo Napoleon sein nuschelndes Amerikanisch ungestraft dahinmurmeln kann. Aber nicht nur Toulon sieht nicht aus wie Toulon, genauso geht es auch Josephines Lieblingsschlößchen Malmaison. Das echte Malmaison ist eine bezaubernde palazzina. Im Film sieht man stattdessen das Riesenschloß der Herzöge von Marlborough (was Ridley Scott vermutlich für eine falsch geschriebene Zigaretten-Reklame hält). Der böse Louis XVIII war gewiß ein alter Mann, mit den dazu gehörenden Hängebäckchen – aber so verkommen, wie er da gezeigt wird: da hat Herr Scott offensichtlich einen Alkoholoiker aus dem Armenasyl zu Kinoehren gebracht.

Der Film hat zwei Erzählstränge: Napoleons militärische Karriere, von Toulon bis Waterloo, und seine Beziehung zu Josephine. Letzteres muß natürlich sein, wir sind ja im Kino. Es ist aber auch notwendig: Napoleon ist nur zu verstehen, wenn man Josephine und ihre Rolle kennt. Aber wie mißgedeutet erzählt Scott diese Frau! Josephine altert nicht im Kino (wie in der Wirklichkeit), sieht immerzu gleich aus, mit neckisch hervorquellendem Busen. So war sie nicht. Sie hat ihren Busen gern freigebig geteilt, aber nicht für die Augen der Öffentlichkeit.

Genauso flach ist Napoleon gezeichnet: eine Art von John Wayne, der aber nicht Indianer mühevoll einzeln abschießen muß, sondern Salven befiehlt. Was für ein kluger, präzise denkender und glänzender Formulierer er war, das sieht man an seiner Korrespondenz, besonders an seinen Liebesbriefen an Josephine.

Die ganzen drei Stunden des Films zeigt Josephine ihr hübsches Püppchengesicht (die Stupsnase bezeichnen die Psychologen als «Kindchenschema», auf das unser Schutzinstinkt und Liebesinstinkt hin genetisch ausgerichtet ist). Josephine bleibt von Anfang bis Ende das hirnlose Busen-Gör. Was für ein Blödsinn! Das war sie nicht. Sie war eine Grande Dame, mit allem, was das positiv und negativ bedeutet.

Die Kostüme waren oft nicht zeittypisch. Besonders mißglückt ist der Schmuck: Napoleons große Passion, für die er Millionen ausgegeben hat, und worüber es genügend Literatur gibt. Aber bei Ridley Scott tragen die Dmen Schmuck, wie er am Ende des 19. Jahrhunderts üblich war.

Zurück zur anderen Handlungslinie, Napoleons militärische Karriere, seine Schlachten, seine Gegner. Aber Metternich und Schwarzenberg kommen gar nicht vor! Nelson existiert nicht, und Kutusow fehlt auch. Was soll das?

Ja, und auch Trafalgar und Leipzig werden nicht erwähnt! Natürlich war Napoleon schon mit dem Rußlandfeldzug am Ende (schade, daß Hitler und heutige Politikerinnen den Film nicht gesehen haben), so wie wir mit Stalingrad. Aber auch Napoleon hat nicht aufgehört, als es zu Ende war, sondern weitergemacht. Zu Metternich sagte er (der Film unterschlägt das): «Ich bin ein Soldat. Für mich sind eine Million Tote nur ein Faktor im Krieg. Sie sehen das anders.» In der Tat, das kann man auch anders sehen.

Jetzt noch mal zurück zu Josephine: 1815 hat Alexander I. (genau wie FW III, ein paar Tage vorher) sie besucht, in Malmaison. Bei Scott ein schmaltzy Liebesgetändel. Was für ein Unsinn! Es ging Josephine um sehr handfeste materielle Interessen, und die hat sie auch erreicht, beim millionenschweren Herrscher aller Reussen.

Der Zar wußte das natürlich, aber immerhin kommt er (im Film) mit einem Blumensträußchen in der Hand (das Papier des Floristen hat die Regie entfernt) zu Josephine. Genauso, wie Napoleon, als er Josephine seinen Antrag macht. Brave Knaben, der Zar und der Kaiser, schön artig, so, wie sie’s in der Tanzstunde gelernt haben.

Was dem Film komplett abgeht, das sind die großen Fragen, die man eigentlich stellen sollte:

Wie kommt es, daß die Menschheit immer wieder gewaltige Eroberer hervorbringt? Wie kommt es, daß sich Millionen für sie und für die gerade übliche Ideologie begeistern lassen, und ihren Verstand ausschalten? Wieso ist der Mensch ein Herdentier? Wieso gerade Frankreich, in genau jener Zeit? Wieso haben die Alliierten Frankreich nicht bestraft, sondern ihm Elsaß und Korsika, und sogar Gebietsgewinne (Montbeliard) belassen? Und wie erklärt man die Faszination Napoleons: bei seinen Zeitgenossen, und auch bei seinen Gegnern?

Gewiß, ein Film darf keine Geschichtsstunde werden – aber in diesem Super-Blockbuster des Jahres 2023 wird Geschichte zur Schmonzette gemacht. Das tut weh.

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