Das Volk fordert von Wagenknecht die Gründung einer neuen Partei

Last Updated: 20. Oktober 2023By

Der Zuspruch für Sahra Wagenknecht im Volkshaus Jena ist groß, der Saal voll, jeder Platz besetzt. Standing ovations bereits, als Wagenknecht die Bühne betritt. Ihre Rede wird oftmals von tosendem Applaus unterbrochen. Unter den Zuschauern sind viele junge Leute, überwiegend Frauen. Die Atmosphäre ist bisweilen euphorisch. Die Demonstranten, die vor dem Saal mit Ukraine- und Antifa-Fahnen gegen Wagenknechts Auftritt demonstrieren, können der Aufbruchstimmung im Saal nichts anhaben.

Nach der Veranstaltung strömt das Publikum auf sie zu. Viele wollen Selfies mit ihr machen, ein Autogramm haben, vor allem kurz mit ihr reden. Ein Herr fragt, ob sie für ihn schon einen Mitgliedsantrag habe für ihre neue Partei. Und eine Dame sagt zu Wagenknecht, sie sei wegen ihr in DIE LINKE eingetreten und sie werde mit ihr auch DIE LINKE wieder verlassen und ihr in die neue Partei folgen. Die Menschen in Jena sprechen Wagenknecht nicht nur Mut zu für die Gründung ihrer Partei, sondern fordern diese Gründung geradezu von ihr ein.

Groß ist der Unmut auf Anne Will und Markus Lanz, die gerade Wagenknecht zu Gast in ihren Sendungen hatten (Will am Sonntag und Lanz am Dienstag). Immer wieder sagt man ihr, wie toll sie sich in Talkshows schlägt. Ruft ihr zu, daß sie endlich ihre Partei gründen soll. Während Wagenknecht unzählige Bücher im Foyer des Volkshauses signiert, erhält sie Geschenke, handgeschriebene Briefe, ein großes von einer Anhängerin selbst gemaltes Portait in schönem Glasrahmen. Ein Student der Politikwissenschaft aus Göttingen ist extra nach Jena gereist, um ihr seine Bewerbung mit Lebenslauf persönlich zu überreichen. Er wünscht sich nichts sehnlicher, als für sie arbeiten zu dürfen.

Wagenknecht verhehlt auch in Jena nicht, eine Partei gründen zu wollen. «Der Wähler findet die Politik DER LINKEN falsch, denn sie wird immer weniger gewählt. Und wer früher DIE LINKE gewählt hat, dem fehlt jetzt eine Partei. Es klafft eine Repräsentationslücke im Parteiensystem. Viele Leute fühlen sich von keiner Partei mehr vertreten und werden auch von keiner Partei mehr vertreten und das ist ein Problem für die Demokratie.» Dafür kriegt sie langen Applaus.

Doch sie dämpft auch ein bißchen die riesigen Erwartungen, die ihr entgegengebracht werden: «Man darf es erst starten, wenn alle Voraussetzungen erfüllt sind. Die neue Partei darf nicht nach kurzer Zeit implodieren, keine Extremisten anziehen oder sich in eine falsche Richtung entwickeln», warnt Wagenknecht vor einem Schnellschuss.

Fest steht: Wagenknecht hat in der jetzigen Linkspartei keine Chance, eine alternative Politik zu betreiben. Die Strukturen in DER LINKEN sind festgefahren, das Schachern um Posten in der Führung beschäftigt die Funktionäre DER LINKEN mehr als die Aufstellung eines zukunftsweisenden Wahlprogramms oder die Diskussion über wirkliche Veränderungen.

Wagenknecht hat erkannt, daß sie sich in dieser Partei aufreibt und in Bedeutungslosigkeit versinkt. Solange Gregor Gysi als das Schwergewicht und die graue Eminenz in der Partei noch das Sagen hat, wird Wagenknecht dort keine Zukunft haben.
Wohlmöglich könnte eine Wagenknecht-Partei bei der nächsten Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, auch haben mehrere gegeneinander konkurrierende linke Parteien weder Italien noch Frankreich langfristig bisher politischen Fortschritt beschert.

Würde Wagenknecht nach den innerparteilichen Querelen der letzten Monate in die Linkspartei zurückkehren, hätte sie einen großen Teil ihrer Kraft dafür aufzuwenden, die auf Pöstchen Lauernden in Schach zu halten. Und eine konkrete politische Alternative aus DER LINKEN heraus würde ein großer Teil der Bevölkerung ihr nicht mehr abnehmen.

Der normale Bürger verbindet die Linkspartei als Nachfolgerin der SED mit dem ewig Gestrigen, dem kommunistischem Mief. Und damit kann man in Deutschland nicht mehr als fünf Prozent holen. Zu wenig für eine wirkliche Alternative in der Parteienlandschaft.

Allerdings wird der Aufbau der neuen Partei eine große Herausforderung für Wagenknecht. Nicht nur in der Parteispitze, sondern vor allem in den Gemeinden, nahe bei der Basis. Das wird nicht von heute auf morgen gehen. Bei anderen Neugründungen, wie der AfD, kann man sehen: es ist ein längerer Weg, aber kontinuierliche Basisarbeit führt zum Ziel.

Die Frage ist, ob sich in der zweiten Reihe hinter Wagenknecht genug Politiker finden für den Aufbau von Organisationsstrukturen auf Gemeinde- und Landesebene. Gesine Lötzsch, Gregor Gysi und Sören Pellmann, die einzigen Mitglieder des Bundestags, die ihre Wahlkreise für DIE LINKE direkt gewonnen haben, werden in der Linkspartei bleiben. Auch Ellen Brombacher, Wagenknechts Genossin der Kommunistischen Plattform, bleibt DER LINKEN treu. Abwerben hingegen kann sie Sevim Dağdelen, Jessica Tatti, Klaus Ernst, Żaklin Nastić, Amira Mohamed Ali und Sabine Zimmermann.

So wie jetzt aufgrund des Erfolgs der AFD ein Rechtstrend erkennbar ist, könnte es bei einem Erfolg von Wagenknechts neuer Partei auch in die andere Richtung gehen. Wagenknechts Anhänger hoffen, daß ihre neue Partei die AfD aufhalten werde. Eine schwächere AfD wünscht sich auch der Thüringer CDU-Politiker Paul Roth, der ins Volkshaus gekommen ist, um Wagenknecht zu hören. Roth sagt über Wagenknecht, „daß sie gut mit der CDU zusammenarbeiten könnte. Uns trennt da zur Zeit nicht viel.“ Auch Wagenknecht betont in Jena, die AfD dürfe niemals Teil einer Regierung werden, dann das wäre gefährlich.

Vor ihrem Auftritt spaziert Wagenknecht durch ihre Geburtsstadt Jena und trifft in der Löbderstraße Gertrud und Helmut Lorenz, der mit Wagenknechts Großvater im Zementwerk Göschwitz arbeitete. Das Ehepaar freute sich sehr über die Begegnung. Daß Wagenknecht dafür eine Sitzung im Bundestag „schwänzt“, stört hier in Jena keinen, der sie anspricht. Und während Wagenknecht an ihrem Bücherstand sitzt, zeigt ihr eine Seniorin Kinderbilder. Sie breitet mehrere verblichene Schwarz-Weiß-Fotos vor Wagenknecht auf dem Büchertisch aus. Die Bundespolitikerin, die mittlerweile bei Oskar Lafontaine im Saarland lebt, nimmt sich die Zeit, jedes Foto anzuschauen.

Als sie gefragt wird, wie man sie per e-mail erreichen könne, so daß auch geantwortet werde, antwortet Wagenknecht, daß sie mehrere Hunderte Mails pro Tag erhalte. „Ich habe lange Zeit meine E-mails selber gelesen, aber zur Zeit schaffe ich es kaum, weil es ist so viel geworden.“ Wagenknecht macht eine Handbewegung, die einen hohen Stapel Post andeutet.

Am Bücherstand kauft sich ein Mann gleich zwei ihrer Bücher mit dem Titel „Die Selbstgerechten“ und bittet Wagenknecht, beide zu signieren. „Jetzt hab‘ ich schon ein schönes Weihnachtsgeschenk“, freut er sich.

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